Zehn Minuten oder länger
Gedichte von Patrick Wilden
Welche Welt
Lies nicht in der Chronik von gestern
letzte Nacht warst du in deiner eigenen Welt
und noch nach dem Erwachen überzeugt
du hättest das alles erlebt
und denen die fragten konntest du
keine Antwort geben welche Welt
ist die in die du die Füße stellst
welche die Welt in der du atmest
Verwundert
Gegen Morgen
erwachten vom Gewitter die Vögel
sie rieben sich die Augen und gähnten
steckten die Schnäbel zusammen
machten sich Gedanken
um die Festigkeit des Nestes
die Regenrinne über ihnen gluckste
Fische schwammen vorbei
die Vögel blickten sie an
als wären sie mit ihnen verwandt
Ehem. Juri-Gagarin-Straße
Der Tag taut auf
Hochhäuser werfen Fassaden ab
narbigen Putz
zerrissenes Glas
in den Fensterbändern wehen Gesichter
Bald fallen Gerüste
in den Boden haben
Baumaschinen Spuren gelegt
in den Furchen
zerbrochenes Wasser
Eine Rezension von Axel Helbig, erschienen im Dresdner Stadtmagazin SAX:
Flaschenpost für Wachträumer
Zu Patrick Wildens neuen Gedichten
Der Dresdner Dichter Patrick Wilden ist ein Augenmensch. „Alte Karten von Flandern“ (so der Titel seines ersten Gedichtbands) regen seine Phantasie zu Reisen in die Vergangenheit und ins eigene Ich an. „Schreibers Ort“ (so der Titel seines zweiten Bandes, geschrieben als Stipendiat im Gerhart-Hauptmann-Haus) verunsichert und zwingt ihn, innere Konflikte auszufechten. Zwei grandiose Textsammlungen, aus denen man sich manches an die Pinnwand heften möchte.
Der neue Band verweist schon im Titel auf das Verfahren. Notatgedichte nennt Wilden seine Texte, mit Verweis auf Elke Erbs Gedichtband „Sonanz“, der Fünf-Minuten-Notate versammelte. „Zehn Minuten oder länger“ mag die Entstehungszeit der Notate beschreiben. „Ihr Charakteristikum ist“, erfährt man aus einem Begleittext Wildens, „daß sie nicht gebaut oder über einen längeren Zeitraum entwickelt wurden.“ Die plötzliche Laune treibt den Stift an, um kleine Ereignisse festzuhalten. Den Notaten ist der Entstehungstag zugeordnet. Der Band dokumentiert den Zeitraum 2008 bis 2025.
Auch Elke Erb war ein Augenmensch. Beim Gang durch die Natur kam ihr einiges in den Sinn, das Sinnsuche auslöste. Bei Wilden findet diese Sinnsuche „kurz vor dem Einschlafen oder zehn Minuten vor Ankunft des Zuges“ statt. Beide Dichter sind Grübler-Naturen, das Verfahren ist jedoch ein jeweils anderes. Elke Erb hat die Außenwelt fotografiert und diese Bilder in Wortsinn übersetzt. Patrick Wilden schöpft seine Bilder zumeist aus der Imagination des Wachträumenden. Die Bilder drängen von Innen nach außen und werden dann gedeutet. Im Motto zum vorliegenden Band lässt Wilden Henri Michaux über die Eigentümlichkeit des Herzens grübeln. Möglicherweise ist auch dieses Motto ein Hinweis auf das Verfahren der Entstehung der Texte. Das erste Gedicht des Bandes kann als Programm gelesen werden: „Lies nicht in der Chronik von gestern/ letzte Nacht warst du in deiner eigenen Welt/ und noch nach den Erwachen überzeugt/ du hättest das alles erlebt// und denen die fragten konntest du/ keine Antwort geben welche Welt/ ist die in die du die Füße stellst/ welch die Welt in der du atmest.“
Im Gedicht „Verwundert“ hört der Wachträumende den auf der Regenrinne sitzenden Vögeln zu und staunt über deren Gleichmut beim Betrachten der vorbei schwimmenden Fische.
In „Auf einmal Elefanten“ lebt sich ein Safari-Traum aus.
In „Gerippe, gerahmt“ träumt der Dichter (mit James Ensor) die Entstehung eines Bildes: „… ungesehenes Gemälde/ mit Körperfarbe Leichengeruch// ein Tag mit saftigen Wiesen/ hinterm hypothetischen Schweinestall/ süßer Heuwind Traubenzucker// Wespen in deinen Augenbrauen/ als einzige Wolke weit und breit/ dräut ein wenig Erwartung ...“.
Patrick Wilden ist, auch wenn das politische Gedicht ihm fern ist, ein wacher Beobachter des Politischen. Im Gedicht „Spät nachts“ (19. März 2025) zerschneidet „der Geist der Gutes will und Böses schafft“ heimlich die Bettlaken: „Die Meldungen fallen/ wie getragene Socken aus dem Bett/ ein wenig weltgeschichtlicher Fußschweiß/ haftet ihnen an// …// bis zum nächsten Tag/ mit neue Abscheulichkeiten// Ich sehe die Nachrichten voraus/ Lektüren der inneren Art/ bei abgedunkelten Fenstern.“
Die besten Gedichte des Bandes lesen sich wie Stenogramm, die poetische Räume aufreißen: „Pusselwetter“ (29. August 2014, vielleicht beim Warten auf eine Straßenbahn geschrieben): „Kölnische Straße du/ hast uns angenagelt/ die Stimmen schwitzen/ geraspelte Menschen/ dies Pusselwetter abends/ im Maisfeld ein Hauch/ Kommissar Maigret“. Diese Texte sind wie eine Flaschenpost an den ebenfalls wach träumenden Leser.
Portofrei bestellen: [email protected]
Zehn Minuten oder länger
Gedichte:
Patrick Wilden
Zeichnungen:
Christian Melms
Gedichte
ISBN: 978-3-911411-05-9
Format: 12,5 x 19 cm
Paperback
96 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.25
14,00 €